Portobelo

19.10.2010 - 19.11.2010

Portobelo, ein verschlafenes kleines Nest in einer schönen, großen Bucht, hat seine Glanzzeit schon lange hinter sich. Nach der "Entdeckung" durch Christoph Kolumbus am 2. November 1502 wurde die Bucht lange Zeit als Hafen für die spanischen Flotte genutzt. Hier wurden die bei der Plünderung Südamerikas erbeuteten Goldschätze gelagert und verladen. Natürlich lockte das auch Prominente Nicht-Spanier, wie etwa Sir Francis Drake oder Henry Morgan an. Nur die Ruinen der fünf Befestigungsanlagen zeugen noch von der einstigen Bedeutung. Eigentlich nur noch vier, da die Steine eines Forts beim Bau des Panamakanals verwendet wurden.

Heute ist Portobelo vor allem bei Backpackern und Seglern eine beliebte Zwischenstation, letztere treffen sich morgens am lokalen Funknetz (VHF 72 @ 1400Z), beide Gruppen gemeinsam abends zur Happy Hour bei Captain Jack's ("the coldest beer in town"), wo Jack und Dennis einige Dienste, wie Transporte und Treibstoffversorgung anbieten und sich sehr bemühen, Seglern bei allfälligen Problemen zu helfen. Nebenbei werden noch soziale Aktivitäten organisiert, zum Beispiel ein Flohmarkt, bei dem wir immerhin einen unserer drei Teekessel loswerden, eine Halloweenparty, und jeden Sonntag findet ein Barbecue mit Pot-Luck (jeder bringt einen Topf mit Essen mit) statt.

Mittelalter

In Kuna Yala konnten wir beobachten, wie eine beinahe steinzeitliche Kultur rasant in die Moderne übergeht. In Portobelo kann man den umgekehrten Prozess beim jährlich stattfindenden Fest des Christo Negro studieren. Eine riesige schwarze Jesusfigur, kreuztragend, die eine ominöse Geschichte hat und für die Vertreibung einer Seuche verantwortlich gemacht wird, ist das zentrale Objekt. Aus dem ganzen Land und sogar von noch weiter her pilgern Menschen, teilweise zu Fuß, bereits einige Tage vor dem Fest nach Portobelo. Die Gemeinde ist im Ausnahmezustand: Vor jedem Haus schlagen Pilger ihr Lager auf, jeder freie Platz ist mit Imbiss- und Getränkeständen vollgestellt. Vor der großen Kirche reiht sich ein Verkaufsstand mit Rosenkränzen, Kerzen und sonstigem Religionszubehör an den anderen. Bei den Essensständen werden Berge von halb vorgegartem Fleisch (Huhn, Schwein, Fisch, ich-will-es-nicht-wissen-aber-ich-probiers-gern) portionsweise auf fettverkrusteten Kochplatten unter Beigabe von großen Mengen scharfer Soßen fertiggebraten und unter die Leute gebracht - nach unserer langen fleischlosen Zeit: köstlich!

Das Fest hat am Abend des 21. Oktobers seinen Höhepunkt: Die "Gläubigen", viele in violetten, rüschenbesetzten Kleidern, kriechen auf aufgeschundenen Knien, rutschen auf wunden Hintern oder robben auf aufgeschürften Rücken vom Dorfeingang bis zur Kirche, lassen sich teilweise dabei von "Helfern" mit Wachs aus brennenden Kerzen beträufeln. Ganz Erschöpfte werden von ihrem "Coach" angefeuert und motiviert. All das, um für "Sünden" zu "büßen", oder um für die Genesung von kranken Verwandten zu "beten" (was erwiesenermaßen nicht einmal dann sinnvoll ist, wenn man es Profis überlässt, siehe "Study of the Therapeutic Effects of Intercessory Prayer (STEP) in Cardiac Bypass Patients", American Heart Journal 2006 151(4):934-42, http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11923793).

Nach einer letzten Messe wird die Christusstatue schließlich von geschätzten 50 bis 60 Männern mehrere Stunden in einer Prozession durch das Dorf getragen. Dazu gibt es Trompetenmusik und Getrommel, jede Menge Feuerwerk und Bier. Der Umzug dauert deshalb so lange, weil die Träger nicht einfach gerade von A nach B gehen, sondern sich tanzend vorwärts, seitwärts und rückwärts bewegen. Irgendwann kommen sie dann doch wieder in die Kirche zurück. Das erleben wir aber nicht mehr, da wir uns vorher deprimiert und gelangweilt zurückziehen.

Basteln

Eine Wartungsarbeit hatten wir schon ein paar Wochen vor uns her geschoben, das Reparieren des Gasherds, der immer stärker russte, aber auf herkömmliche Weise, d.h. so, wie es im Handbuch für normale Benutzer beschrieben steht, dank festgerosteter Teile nicht mehr zu zerlegen war. Doch das wollten wir, falls es länger dauert oder der Herd dabei draufgeht, doch möglichst in der Nähe von Restaurants und Bäckereien in Angriff nehmen. Wir schaffen es nicht, den Herd am Tag des Zerlegens wieder zusammenzusetzen, wollen Essen gehen, und was müssen wir feststellen: Montags sind alle Restaurants geschlossen. Zum Glück haben Taryn und Steve erbarmen mit uns, laden uns zum Essen auf ihre SY Synchronicity ein und bewahren uns so vor dem Horror von kalten Dosenravioli. Am nächsten Tag setzen wir unseren Herd wieder zusammen und feiern den Erfolg mit einem großen Stapel Palatschinken.

Der Herd funktioniert wieder, doch das notwendige Gas wird langsam knapp. Dennis von "Captain Jack's" versucht das Auffüllen zu organisieren, was aber zu einer Odyssee ausartet. Niemand hier in Panama kann oder will Flaschen mit unserem aus Großbritannien stammenden Ventil befüllen (zuletzt auf Grenada war dies kein Problem). Doch wenn genug Segler zusammen kommen findet sich immer irgendeine Lösung, hier vor allem dank Greg von SY Dutch Dreamer: Mehrere Schläuche von unterschiedlichen Durchmessern, ein paar Schlauchadapter, zahlreiche Schlauchklemmen, ein aufgebohrter Druckregler, eine Waage, Teile der Gasanlage unseres Schiffes und ein Stück Seil, fertig ist die Tankstelle. Dont't try this at home...

Krankenstand

Wieder einmal bleiben wir an einem Ort länger als geplant. Doch nicht wie an anderen Orten, weil es uns so gut gefällt (obwohl es nicht all zu schlecht hier ist), sondern weil wir bei der über die Bucht rollenden Erkältungswellewelle mitmachen. Und das genau zu einem Zeitpunkt, an dem ein Hurricane durch die südliche Karibik zieht, was zwar keinen starken Wind nach Panama bringt, aber eine der wenigen Situationen ist, bei denen unangenehmer Seegang in die Bucht von Portobelo kommt und die Boote stärker schwanken und stampfen als auf dem Ozean. Eine Belastungsprobe für Mensch und Ankergeschirr. Außerdem regnet es eine Woche beinahe durchgehend, manchmal reicht eine Nacht aus, um das Dinghy bis an den Rand zu füllen.

Zwischendurch ist noch panamenischer Nationalfeiertag, zwar mit Paraden usw., aber bei weitem weniger spektakulär als das Jesus-Festival.

Die Krankheiten können wir ganz ohne beten und büßen mit einem Besuch im örtlichen Gesundheitszentrum eindämmen, doch zu welchem Preis: Die ärztliche Beratung ist kostenlos, aber für fünf Antibiotika-Injektionen müssen wir ganze USD 0,69 zahlen! Wir hoffen, wir bekommen das von unserer Versicherung zurückerstattet...

Als wir, nach 4 1/2 Wochen Aufenthalt in Portobelo, wieder gesund sind und auch das Wetter wieder passt können wir endlich weiterziehen, denn bevor es zum Panamakanal geht wollen wir noch den Rio Chagres erkunden.

Kommentare [+]

Panama

Chrisu

Servus!

Wie ist es am Rio Charges?
Schön langsam tastet ihr ja euch zum Kanal vor. Wann ist dir Durchfahrt geplant?
LG Chrisu

24.11.2010 20:08:06