Von Tonga nach Neuseeland

11.11.2011 - 22.11.2011

Wie schon im letzten Eintrag erwähnt wollen viele Segler die südpazifische Wirbelsturmsaison, die offiziell von Anfang November bis Ende April geht, in Neuseeland verbringen und warten daher in Tonga auf das perfekte Wetterfenster für die Überfahrt. Das Wetter auf der Strecke nach und anschließend in Neuseeland unterscheidet sich deutlich von dem in den Tropen: Wettersysteme ziehen relativ schnell in endloser Abfolge von West nach Ost, auf ein Tief folgt ein Hoch folgt ein Tief, im Abstand von mehr oder weniger einer Woche. Von Tonga aus fährt man im Idealfall innerhalb des Durchzugs eines Hochs, vermeidet dadurch in Fronten zu geraten, und versucht möglichst wenig Zeit im Kern des Systems, wo Flaute herrscht, zu verbringen.

Auf dem Weg von Tonga, dessen südlichstes Ende knapp 1.000 Seemeilen von den ersten Häfen Neuseelands entfernt ist, bietet sich noch ein Zwischenstopp im 250 Meilen südwestlich von Tongatapu gelegenen nördlichen Minervariff an. Das soll einerseits spektakulär sein, da bei Hochwasser kein Fleckchen Land dieses Atolls mehr aus dem Meer ragt und man sich vorkommt, als ob man im offenen Ozean ankert und andererseits wird denrlängste Schlag auf etwa 800 Seemeilen verkürzt.

Soviel zur Theorie.

Wir ankern vor Nomuka Iki in der Ha'apai-Gruppe und warten auf günstiges Wetter für die Überfahrt nach Minerva. Derzeit ist das nicht gut abzuschätzen, ein schwaches Hoch hat sich in der Tasmansee zwischen Neuseeland und Australien breitgemacht und will sich einfach nicht weiterbewegen, die Prognosen ändern sich mit jedem neuen Wetterbericht, also zweimal täglich. Aber wir dürfen nicht nur das Wetter südlich von uns beobachten. Schon eine Weile ist in den Wetterkarten zu sehen, dass sich ein tropisches Tiefdruckgebiet nördlich von Fiji ausbildet. Dieses beginnt sich plötzlich auf Tonga zuzubewegen und droht direkt über uns drüber zu ziehen. Die Prognosen zeigen Wind aus allen Richtungen, bis 50 Knoten, Regen, Blitz und Donner inklusive. In Ha'apai gibt es keinen Ankerplatz, der bei solchen Bedingungen ruhiges Liegen verspricht. Nach Tongatapu, in die südlichste Inselgruppe Tongas, wollen wir nicht fahren. Also beschließen wir zu flüchten, auf nach Minerva, denn da soll das Tief in großem Abstand vorbeiziehen.

Die ersten Tage bieten Sonntagssegeln pur - Halbwind, kaum Welle, 7 Knoten auf dem Log werden zum gewohnten Anblick. Nach langer Zeit geht uns wieder einmal eine größere Dorade an die Angel. Wir haben keine Waage, schätzen aber anhand der Portionen den Filetanteil auf um die 4 kg. Diese Menge übersteigt die Kapazität unseres Kühlschranks, so muss einiges eingelegt und eingekocht werden.

Alles läuft perfekt, doch dann am dritten Tag kommt mit dem Wetterbericht die Hiobsbotschaft - das Tiefdruckgebiet, mittlerweile vom Tropical Low zur Tropical Disturbance hochgestuft, hat seinen Kurs geändert und soll Richtung Minerva ziehen - Wind aus allen Richtungen, bis 70 Knoten, Regen, Blitz und Donner inklusive. Wir haben die Wahl: entweder ankern und hoffen, dass es doch nicht so schlimm wird - vor Seegang böte das Riff vermutlich ausreichend Schutz - oder weitersegeln, in eine unklare Wetterlage hinein.

Wir entscheiden uns schweren Herzens für letzteres denn wir hätten Minerva gerne besucht. Andererseits sind keine Fronten im Anzug, die weitersegeln gefährlich machen würden, sondern "nur" tagelanger mäßiger Gegenwind. Und so kommt es dann auch. Wir haben Tage mit perfektem Segelwind, Tage, an denen wir gegen 5 Knoten Gegenwind anmotoren, und Tage, an denen wir bei etwas mehr Wind, dafür aber kurzen steilen Wellen aufkreuzen und gerade mal 30 Meilen Richtung Neuseeland gewinnen. Aber nie sind es mehr als 25 Knoten Wind, und nie mehr als 3 Meter Welle.

Und es geht nicht nur uns so, bei der Ankündigung des Sturms für Minerva haben zahlreiche andere Boote, die dort auf ein Wetterfenster für die Weiterfahrt gewartet haben, fluchtartig das Weite gesucht, und mit einigen davon sind wir im täglichen Funkkontakt. Ein wenig sind wir schon stolz, dass unser kleiner, schwerer Stahlkutter mit anderen, größeren und leichteren Schiffen mithalten kann. Zumindest mit denen, die keine Katamarane sind oder jenen, die dank riesiger Tanks und starker Maschinen fast die gesamte Strecke motorsegeln können.

Das Segeln selbst unterscheidet sich von dem der vergangenen Monate, statt vor dem Passat zu rollen fahren wir nur noch Halb- bis Amwindkurse. Zusätzlich zur mal mehr, mal weniger gerefften, mal ganz weggepackten Genua steht beinahe ständig die Fock, dazu sind erstmalig auch die Backstagen im Dauereinsatz. Diese Besegelung bewährt sich, das Boot läuft gut, und so ist unser einziges Problem die täglich zunehmende Kälte. Am Ende ist es in der Nacht im Cockpit kaum mehr auszuhalten, trotz dickster Winterbekleidung.

Schließlich, 11 Tage nachdem wir Anker auf gegangen sind, kommt am Morgen des 22. Novembers Land in Sicht. Perfekt getimed, bei halber steigender Tide, biegen wir in den Whangarei Harbour ein und legen am Quarantänesteg in Marsden Cove Marina an.

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