Unterwegs von den Kanaren zu den Kap Verden

01/04/2010 - 01/12/2010
Sonnenuntergang über dem Atlantik.

Wir legen kurz vor Sonnenuntergang ab, haben dadurch genug Zeit, um noch bei Tageslicht die Segel zu setzen und die Windsteueranlage in Betrieb zu nehmen. Dann kochen wir noch das erste Abendessen auf See und geniessen die flotte Fahrt durch glattes Wasser. Die erste Nachtwache beginnt um 20 Uhr, dann wird um 24 Uhr, 4 Uhr und 8 Uhr Früh gewechselt, den Tag teilen wir in zwei Schichten.

Zweimal motoren wir, um aus den Windabdeckungen von La Gomera und El Hierro herauszukommen, die direkt in Zonen beschleunigten Windes übergehen. Wir finden kaum Schlaf. Auch am nächsten Tag gelingt es uns nicht, uns auszurasten. Zu ungewohnt sind die Bewegungen des Bootes nach der langen Zeit im Hafen. Dann dreht der Wind und geht in den erwarteten Nordostpassat über, wodurch wir nun mit Raumwind und achterlichen Wellen segeln. Jetzt rollt das Boot erst recht in den Wellen und wir kämpfen mit Seekrankheit. Schlafen ist noch schwieriger geworden. Der Körper wird ständig herumgeworfen, wir versuchen uns krampfhaft irgenwie zwischen Pölstern zu verklemmen. Müde und schwach verbringen wir die Tage also mit den Bemühungen, entweder unter Deck einzuschlafen oder an Deck wach zu bleiben. Besonders die Stunden kurz vor Sonnenaufgang fordern uns viel ab.

Zu tun gibt es nur wenig, wir kontrollieren laufend Kurs und Segelstellung, tragen nur jede Stunde Position, Kurs, Geschwindigkeit und Loggestand in das Logbuch ein und halten Ausschau nach allem, was nicht Meer oder Himmel ist. Daher wird neben dem Ölzeug, das wir zum Schutz vor Gischt, Wind und hin und wieder eintretendem Nieselregen anziehen, und Schwimmweste der MP3-Player fester Teil der Ausrüstung, die wir uns alle vier Stunden an- bzw. ausziehen.

Platt vor dem Wind. Unser unermüdliches drittes Crewmitglied - Aries.

Am dritten Tag fühlen wir uns endlich besser und können, da der Himmel weniger bedeckt ist als sonst, ein wenig sonnenbaden. Danach baumen wir die Genua aus, um mit dieser an Steuerbord und dem Großsegel an Backbord vor dem Wind segeln zu können, wodurch wir unseren Zielkurs genau anlegen können. Das Ausbaumen der Genua auf dem schwankenden Vordeck ist ein kleiner akrobatischer Akt. Es gelingt und wir sind zufrieden. Nebenbei überqueren wir am frühen Abend den Wendekreis des Krebses und segeln ab nun in den Tropen.

Vierundzwanzig Stunden später holen wir total erschöpft den Baum wieder ein. Das Rollen war zu heftig, wir haben wieder kaum geschlafen. Weiter geht es auf Raumwindkurs, wodurch der Weg zwar etwas länger wird, das Boot aber nur auf eine Seite rollt.

Der Wind ist gut, kräftig und beständig, später sogar so kräftig, dass wir das bereits zweifach gereffte Großsegel bergen und nur mit leicht gereffter Genua noch schnell vorankommen. Allgemein sind wir mit unserer Geschwindigkeit sehr zufrieden, sie liegt zwischen fünf und sieben Knoten. Unsere Aries (so heißt die Windsteueranlage) arbeitet zuverlässig, kommt mit den etwa zwei Meter hohen Wellen zurecht und hält Molimentum auf Kurs.

Mahlzeit!

Die bei weitem anstrengendste und gefährlichste Tätigkeit, die wir während der sieben Tage unserer Fahrt immerhin viermal ausführen, ist das Kochen. Mit Stolz werden die mit heißem Gatsch gefüllten Schüsseln präsentiert, ebenso mit Erleichterung, sich nicht verletzt zu haben. Lediglich den Appetit können nicht alle Köche während ihrer schweißtreibenden Tätigkeit aufrechterhalten. Die Ernährung ist generell schwierig, so essen wir hauptsächlich Kekse, Müsliriegel, Obst und Brot, insgesamt aber nur sehr wenig. Getrunken wird ausschließlich Wasser, das Wort Kaffee wir während der ganzen Reise nicht einmal erwähnt. Das Geschirr waschen wir mit Meerwasser, auch die Nudeln werden damit gekocht, wodurch sie etwas zu salzig wurden. Das nächste Mal mischen wir Süßwasser dazu.

Mit der Zeit gewöhnen wir uns an die Situation und die Bedingungen an Bord. Die Stimmung ist, soweit es die Müdigkeit zulässt, gut. Abgesehen von einer nächtlichen Dreier-Wellenkombination, die höher als alle anderen sind und mit Getöse zuerst hinter uns, dann unter unserem Rumpf brechen, das Boot stark krängen und Sonja erschrecken bringt uns nichts aus der Ruhe. Nicht einmal der Zusammenbruch der Batteriespannung an drei Tagen mit leichterem Wind hintereinander, wodurch wir mit der Maschine nachladen müssen. Wir vermuten, dass unsere Batterien kaputt sind und sparen von da an eisern. Aber dann ist der Wind stark genug für unseren Windgenerator sodass wir keine Probleme mehr haben.

Sao Vicente, Kap Verde.

Etwa zweihundert Seemeilen vor unserem Ziel stellen wir fest, dass wir bei Dunkelheit ankommen würden, was wir nicht riskieren wollen. Daher reffen wir die Genua weiter ein und ändern unseren Kurs geringfügig. Wir navigieren gut und haben bei Sonnenaufgang die Inseln Sao Vicente und Santo Antao vor uns. Um neun Uhr laufen wir im Porto Grande von Mindelo ein.

Epilog

Was in Erinnerung bleibt ist nicht die permanente Übermüdung, sondern andere Erlebnisse. Wir haben mehrfach Tümmler in den meterhohen Wellen surfen gesehen, wir haben fußballgroße Leuchtquallen fluoreszieren gesehen, wobei Lichtblitze entstehen, die am Solarpanel reflektieren und einen zuerst an ein Gewitter denken lassen, wir begegneten den ersten Schwärmen fliegender Fische, erlebten den Atlantik und lernten den Passat kennen. Andere Schiffe haben wir auch gesehen - im Schnitt eines pro Tag. Aber am wichtigsten ist uns, dass das in Molimentum und uns gesetzte Vertrauen bestätigt wurde.

Wir legten zwischen dem 5.1.2010, 18 Uhr UTC, und dem 12.1.2010, 10 Uhr UTC, 871 Seemeilen zurück. Unser durchschnittliches Etmal (= von Mittag zu Mittag zurückgelegte Strecke in Seemeilen) betrug etwa 130, die Durchschnittsgeschwindigkeit 5 1/2 Knoten. Die Windgeschwindigkeit lag dabei mit Ausnahme von kurzen Flauten zwischen 15 und 25, in Böen bis 30 Knoten.

Im Gespräch mit anderen Seglern stellt sich heraus, dass alle unter Übermüdung litten, was anscheinend das Los der Fahrtensegler ist.

Fotos aus diesem Zeitraum

Kommentare

Spaß

Chrisu

Herrlich! Soooo schön kann Segeln sein! Fliegende Fische sind super - vor allem wenn sie nachts am Rumpf anklopfen oder ins Boot springen (schmecken übrigens ganz passabel. Wünsche Euch noch viele weitere schöne Fahrten - mit mehr Appetitt! LG Chrisu

01/15/2010 17:05:44

Respekt

Petra

gespannt verfolg ich laufend eure berichte (die immer herrlich formuliert sind) und wo sich das boot auf der karte grad befindet - man will ja wissen, ob es euch eh noch gibt ;) die 7-tage fahrt war offensichtlich eine herausforderung - gratulation und respekt, ich würd das niemals nie aushalten (deswegen geh ich ja auch nicht segeln und mach schon gar keine weltreise). für den nächsten großen trip alles alles gute! lg petra

01/14/2010 08:26:19

WOW

Michael

Das klingt ja alles ziemlich arg! Wo sind die Videos von den großen Wellen, oder seid ihr schnon zu schwach um die Kamera zu halten? lg aus einem faden Nachtdienst (auf Weltreise sollte man halt sein) Michael

01/13/2010 21:59:32